Hilal Sezgin Vegan Herz
 
Hilal Sezgin Journalistin Schriftstellerin
In den ersten Monaten der Corona-Pandemie war trotz aller Schrecken auch von der Sehnsucht nach Entschleunigung und der Hoffnung auf eine klimafreundlichere Lebensweise zu hören und zu lesen: weniger Termine, weniger Reisen, weniger "auf allen Hochzeiten tanzen". Inzwischen ist davon nicht mehr viel übrig. Überall wird mit den Hufen gescharrt, wann es endlich wieder losgehen kann mit den Fernreisen und dem business as usual, während uns gleichzeitig aus anderen Teilen der Erde furchtbare Bilder von Kriegs- und Coronaopfern erreichen.
Ich habe in den Monaten der Begrenzung etwas gelernt, das ich "mitnehmen" möchte: Aus der unfreiwilligen Selbstbescheidung heraus konnte ich manche ganz unspektakuläre Freuden wiederentdecken. Ja, auch Serien-Schauen macht Spaß, aber die tiefe Konzentration, die mensch nur durch ungestörtes Lesen erreicht, ist ein besonderes Glück.
Um dieses Glück ein wenig zu teilen, um das Medium Buch zu feiern, und um den Austausch mit Gleich- oder Ähnlich-Gesinnten anzuregen, habe ich eine Videoreihe begonnen. Darin spreche ich in unregelmäßigen Abständen über Bücher, die Tierrechte oder das Mensch-Tier-Verhältnis zum Thema haben. Meist sind es philosophische Bücher, oft auch englischsprachige. Mir ist bewusst, dass nicht alle interessierten Menschen Zeit oder Lust haben, diese Bücher selbst zu lesen, und dies ist auch weder Zweck noch gar Voraussetzung meiner Beiträge. Doch ich hoffe, dass auch Nicht-(so-viel)-Leser:innen durch die Videos an den Gedanken der Autor:innen teilhaben können. Mir jedenfalls gefällt diese Vorstellung einer Art "Tierphilosophie für alle". Denn meiner Erfahrung nach denken viele Menschen, zumal politische aktive, über recht komplexe ethische Fragen nach, und dazu sind philosophische Bücher da: dass sie uns zum Nachdenken inspirieren, uns anfeuern und helfen. Man findet diese Videos auf Youtube und inzwischen auch als Podcast auf spotify, itunes etc. Sie heißen "Lektüren mit Tieren".
Mitten in die Corona-Zeit fiel das Crowdfunding für meinen Soli-Roman "Feuerfieber", für dessen unerwartet großen Erfolg ich immer noch sehr dankbar bin, und von dem sich auch noch ein paar Dutzend Exemplare bestellen lassen (siehe "Bücher"). Und natürlich schreibe ich weiterhin an Kolumnen, Artikeln und weiteren Textstücken, die hoffentlich irgendwann einmal das nächste Buch ergeben werden.
Durch das Älterwerden der Schafe, die einiges an Pflege erfordern, bin ich bereits in den letzten Jahren immer weniger mobil gewesen; der neue Zoom-Boom allerdings eröffnet da ganz neue Möglichkeiten. Wir haben uns daran gewohnt, einem digitalen Vortrag zuzuhören, auch wenn's manchmal ruckelt, kennen die Wohnzimmereinrichtung unserer Kolleg:innen und ihr Verhältnis zur (Un)ordnung. Wir heben digital Pfötchen, um uns zu Wort zu melden, und haben per videocam Menschen kennengelernt, die wir sonst wegen geografischer Entfernung nicht hätten treffen können. Ich bin fest entschlossen, das Beste aus dieser Kombi von mangelnder Flexibilität und digitaler Ubiquität zu machen, und halte sehr gerne Vorträge und Diskussionen per Zoom o.ä., Kontakt siehe, na ja, "Kontakt".
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Hilal Sezgin Buch Hocker
Einige Stichpunkte zu meiner Person:
Ich wurde geboren 1970 in Frankfurt am Main, studierte Philosophie (im Nebenfach Soziologie und Germanistik sowie ein bisschen Biologie) ebendort; M.A. 1995. Begann 1996 als Praktikantin und freie Mitarbeiterin beim Hessischen Rundfunk arbeitete ab 1999 sieben Jahre lang im Feuilleton der Frankfurter Rundschau zog 2007 in die Lüneburger Heide, um mehr Bücher zu schreiben. Arbeite seither als freie Autorin für allerlei Medien, z.B. die taz, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Die ZEIT, zeitonline, NDR und WDR Buchveröffentlichungen sowie ausgewählte Artikel auf den folgenden Seiten. Habe mich hier auf dem Land mit einer Schafherde befreundet und versorge diese in einer Art "Schafaltersheim", was meinem bis dahin eher theoretischen Nachdenken über Tierethik noch einmal ganz andere Impulse gibt (siehe "Lebenshof"). Habe eine Handvoll liebenswürdiger Auszeichnungen erhalten wie eine lobende Erwähnung beim Nachwuchspreis des Journalistinnenbundes 2005, den Titel einer "European Muslim Woman of Influence" (Institute for Strategic Dialogue 2010), den der "tierfreundlichsten Hirtin" von PETA 2011 und den einer der "25 Frauen, die unsere Welt besser machen" von Edition F im Jahr 2016. 2016 war ich für den Bundesverband Menschen für Tierrechte Schirmherrin des Engagementsgegen Tierversuche an Fischen, und seit Ende 2020 bin ich "Gorilla-Botschafterin" des Great Ape Project.
Außerdem war ich viele Jahre lang Mitglied der Jury für den NDR Kultur Sachbuchpreis, im Jahr 2021 zudem in der Jury des Deutschen Sachbuchpreises, und bin nach wie vor Mitglied der Jury der Sachbuch-Bestenliste von ZEIT, ZDF und Deutschlandfunk Kultur.
Hilal Sezgin Buch
Hilal Sezgin Stoff Kissen
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"Wo kommen Sie her?", fragte eine neue Bekanntschaft in der Nachbarschaft.
Ich sagte, dass ich schon seit Jahren in unserem Dorf lebe.
"Aber woher?", wiederholte sie
Vorher lebte ich in Frankfurt am Main.
"Nee, Wurzeln!", sagte sie.
Da verstand ich endlich, dass sie weniger etwas über mich wissen wollte, als vielmehr nach der Geographie meiner Eltern und Großeltern fragte... Also gut: Zwei meiner Großelternteile lebten in der Türkei, zwei in Deutschland. Mein türkischer Vater lebt allerdings seit fast sechs Jahrzehnten in Deutschland. Und Achtung, meine deutsche Mutter ist bereits noch länger Muslimin. Ich selbst kann kaum Türkisch und bin ebenfalls Muslimin. Hilft das jetzt weiter? Jedenfalls ist das nicht mein Beruf, sondern: Schriftstellerin, Publizistin, Journalistin. Gern werde ich auch als Tierrechtlerin, Feministin und Philosophin bezeichnet (letzteres habe ich studiert). Zudem bin ich Schafsfreundin (siehe "Lebenshof"), Sufi und Feuerwehrfrau.
Wenn ich jedoch das nächste Mal im Radio oder TV als "türkische Schriftstellerin" angekündigt werde, unterbreche ich die Moderation und stelle das richtig: Wieso wird dabei meine Mutter unterschlagen, und meine Kindheit im Vordertaunus? Jeder Mensch ist seine eigene Mischung, jede*r von uns ist zu groß für eine einzige Schublade.
Vor allem: Woher wir kommen, ist ja nur das Eine. Das Andere, wohl Wichtigere ist: Wo wollen wir hin? Und mit wem?
Hoffnung gibt es nicht bei ebay. 65 Milliarden geschlachtete Tiere pro Jahr, Monsantos Genverkäufe, Waffenexporte. Sexuelle Gewalt und Angrabsch-Rhetorik. Nazi-Terror, Flüchtlingsslums und tödliche Mittelmeerpassagen... Niemand kann sicher sein, ob wir das mit dem Weltfrieden jemals hinkriegen – aber wir sollten es zumindest versuchen. Wir sollten uns diese Erde fairer teilen, mit anderen Menschen und Tieren.
 
Hilal Sezgin Vegan Herz